Als die Mörder in die Nachbarschaft kamen (2023)

Stand: 26.04.2022 15:10 Uhr

In den 1980er Jahren brach in Hamburg ein brutaler Zuhälterkrieg aus. Ein wichtiger Zeuge ist der Berufsmörder Werner Pinzner. Nach seiner Festnahme gibt er umfangreiche Aussagen, richtet später aber ein Blutbad an.

von Ada vom Dach

29. Juli 1986: Bei einer Vernehmung im Polizeipräsidium Hamburg zieht der Auftragsmörder Werner „Mucki“ Pinzner eine Waffe und richtet sie auf den ermittelnden Staatsanwalt, seine Frau und schließlich auf sich selbst. Alle drei starben. Der „St. Pauli-Killer“ Pinzner war drei Monate zuvor, am 15. April 1986, festgenommen worden und sitzt seitdem in Untersuchungshaft. Nach dem Blutbad wurden die Justiz und die Hamburger Polizei angegriffen. Es wird erwartet, dass zwei Senatoren zurücktreten.

1970er: Die großen Namen der alten Nachbarschaft verlieren an Einfluss

Die Atmosphäre in St. Pauli hatte sich vor der spektakulären Tat stark verändert. Bis Mittedie 70erWilfried „Frieda“ Schulz zieht die Fäden im Kiez. Der sogenannte Pate von St. Pauli hat ein mächtiges Imperium aufgebaut und ist als Gouverneur der Reeperbahn respektiert. Wenn jemand Ärger macht, beruft Schulz ein informelles Gericht ein und fällt Urteile. Die schwerste Strafe ist die Verbannung aus St. Paul, normalerweise das Verhängnis der Verurteilten. Denn mit dem Verbot ist auch jede Aktion im Vergnügungsviertel obsolet.

Die neuen Zuhälterbanden heißen „GMBH“ und „Nutella“

In den späten 1970er Jahren hatte Schulz an Einfluss verloren. In São Paulo breiten sich zwei Organisationen von Zuhältern aus: die „GMBH“ – der Name basiert auf den Initialen der Mitglieder – und die „Gangue Nutella“. Das junge Unternehmen verdankt seinen Namen seinen älteren Konkurrenten. Sie lächeln die Kinder an und sagen ihnen, dass sie mehr Nutellabrot essen sollten, um groß und stark zu werden.

Ziviler Ermittler Waldemar Paulsen nach der Festnahme einer Prostituierten Anfang der 1980er Jahre.

Der ehemalige Polizist Waldemar Paulsen kennt alle großen Namen im Viertel persönlich. Ab 1972 arbeitete er als Zivilermittler im Bereich Zuhälterei und Prostitution in São Paulo. Er hat miterlebt, wie die „GMBH“ im Handumdrehen ein Imperium mit Hunderten von Prostituierten aufgebaut hat: „Die hatten alle unendlich viel Geld. . auf den Kiez kam.“ Michael „der schöne Mischa“ Luchting, das M in „GMBH“, zum Beispiel, trug damals nur Maßanzüge und fuhr mit seinem Rolls-Royce die Reeperbahn rauf und runter. Paulsen geriet fast in Schwierigkeiten Ekstase: "Ein kluger Kerl, dem sowohl Männer als auch Frauen zu Füßen lagen."

Der tollpatschige Zivilermittler Paulsen wird erfolgreichen Zuhältern schnell ein Dorn im Auge. Die "GMBH" will Paulsen mit einer Intrige loswerden. Der Plan: Sie wollen bekannt machen, dass der Cop, weithin bekannt als Rotfuchs, eine Prostituierte für ihn anheuert. Doch Paulsen versteht den Plan und kann den heimtückischen Plan durchkreuzen.

Drogen lösen einen blutigen Zuhälterkrieg aus

Zivilermittler Waldemar Paulsen (links) und sein Kollege, bekannt als der Schnelle, kannten alle großen Namen in der Nachbarschaft.

Anfang vondie 80erKokain kommt ins Spiel. Es ist nicht nur eine neue Einnahmequelle für Zuhälter. „Es waren viele Drogen im Umlauf und die Idioten schlugen sich auch gegenseitig, es wurde völlig unberechenbar und schlampig“, sagt Paulsen. Mit der Sucht schaufeln sich manche ihr eigenes Grab. Im Geschäft etablierte Personen machen Drogen für ihre Geschäftspartner „inakzeptabel“. Sie werden ausgewiesen: „Der schöne Mischa“, ehemaliger Bordellchef der „GMBH“-Clique, wird abgesetzt. Kurz darauf wird er erhängt in einem Waldstück in der Lüneburger Heide aufgefunden.

1981: Erster Auftragsmord auf der „Ritze“

Die "GMBH" wird demnächst aufgelöst. Peter N., bekannt als „Wiener Peter“, gibt nun in St. Pauli. Als am 28. September 1981 der erste Auftragsmord in der berühmten Kneipe „Ritze“ stattfand, saß „Wiener Peter“ neben dem Opfer, seiner Lebensgefährtin „Chinese Fritz“. Wer ihn getötet hat, ist unklar, aber laut Paulsen gibt es starke Hinweise darauf, dass „Wiener Peter“ den Mörder angeheuert hat, weil sein kokssüchtiger Partner aus dem Geschäft wollte. Mit dem gewaltsamen Tod beginnt in St. Pauli.

Die Fronten zwischen den Banden verhärten sich. Der Mann, der später als St. Pauli verbüßte eine zehnjährige Haftstrafe wegen eines tödlichen Raubüberfalls. Bei der JVA Fuhlsbüttel, besser bekannt als Santa Fu, kennt sich Werner „Mucki“ Pinzner mit Drogen aus. Kokain wird sein ständiger Begleiter. Außerhalb des Gefängnisses knüpfte er seine ersten Kontakte im Rotlichtmilieu.

Pinzner macht sich im Gefängnis einen Namen

Ein Arminius-Revolver – mit einer solchen Waffe beging Pinzner alle seine Auftragsmorde.

Im Juli 1984 begeht Pinzner im Urlaub seinen ersten Mord. Er greift zur Waffe und erschießt einen erpressenden ehemaligen Bordellbetreiber in Kiel mittendrin. Nach seiner Rückkehr deponiert er die Waffe in einem Gefängnisschließfach. Als Pinzner bald darauf wegen guter Führung freigelassen wurde, hatte sich sein Ruf als härterer Schurke bereits in den Medien herumgesprochen.

Vier Morde in neun Monaten

In neun Monaten ereignen sich vier weitere Morde. Auftraggeber ist immer der mächtige Chef-Zuhälter „Wiener Peter“. Pinzner schießt immer einen Arminius-Revolver im Kaliber .38. Kein Killer würde dieselbe Waffe mehr als einmal benutzen. Pinzner hingegen hinterlässt an jedem Tatort seine Visitenkarte.

Allmählich wird er auch für seine „Geschäftspartner“ zur Gefahr. Er macht viel Geld mit Auftragsmorden, aber er will mehr, unter anderem Anteile an Bordellen. Schließlich ist Pinzner ein zu großes Risiko für seinen Mandanten und seine Komplizen. Sie beschließen, die St. Paulus für immer.

15. April 1986: Pinzner wird verhaftet

Doch bevor sie ihren Mordplan umsetzen können, schickt die Polizei am 15. April 1986 eine SEK-Einheit zu Pinzners Wohnung in Hamburg-Barmbek und nimmt den Serienmörder fest. Im Gefängnis hat Ihre Sicherheit Priorität: Der Mörder muss geschützt werden, weil er ein wichtiger Zeuge gegen die Seilzieher ist, die ihn angeheuert haben. Auch nach seiner Festnahme bleibt Pinzner für viele Bonzen gefährlich.

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Als Auftragsmörder war er einer der skrupellosesten Männer im Hamburg der 1980er Jahre, während eines Verhörs entfaltet sich ein tödliches Drama.Vorauszahlung

An seiner Seite stehen ihm seine Frau Jutta und seine Anwältin Isolde O. Sein Verteidiger versorgt Pinzner mit Nachrichten und Drogen. Sein Anwalt vermarktet ihn auch an die Presse. Schließlich wird sie seine Komplizin in seinem großen Spiel.

Ein Anwalt als Komplize

Während der Festnahme sagt Pinzner ausführlich aus und gesteht alle fünf Morde. Gleichzeitig bereitet sie alles für ihren „exitus triumphalis“ vor. Sein letzter Vernehmungstermin ist der 29. Juli 1986. Pinzner will Angaben zu einem weiteren Mord machen. Sein Anwalt und seine Frau Jutta kennen seine wahren Pläne für das Verhör. Der Anwalt nimmt einen Revolver und die Frau schmuggelt ihn in den Vernehmungsraum des Polizeipräsidiums Berliner Tor. Der ermittelnde Staatsanwalt Wolfgang Bistry begegnet den beiden Frauen im Flur und öffnet galant die Sicherheitstür. Niemand kontrolliert die beiden. Umpacken im Badezimmer: Der versteckte Revolver von Smith & Wesson passt in eine Handtasche.

9 Bilder Blutbad im Polizeipräsidium

Im Vernehmungsraum sitzen neben Jutta Pinzner und dem Anwalt auch der Staatsanwalt Bistry, eine Schreibkraft und zwei unbewaffnete Polizisten. Nach der juristischen Einweisung forderte Bistry den Angeklagten auf, die versprochenen Details zu schildern: "Nun, dann schießen." Pinzner nimmt die Waffe und erschießt Bistry, seine eigene Frau, die zuvor vor ihm kniete, und schließlich sich selbst.

Bald darauf wurden Komplizen des Mordes an Pinzner und sein Mandant "Wiener Peter" festgenommen. Er erhält eine lebenslange Haftstrafe. Nach Verbüßung seiner Haftstrafe wurde er 2001 freigelassen. Die Atmosphäre in St. Pauli hat sich seitdem verändertdie 80ergrundlegend verändert. Heute regieren ganz andere Banden St. Pauli.

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ER!

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ER! |29.07.2016 | 18:45

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Author: Kerri Lueilwitz

Last Updated: 03/18/2023

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